Dass mein Sommerurlaub in diesem Jahr in Norwegens Süden gehen sollte, war schon lange geplant. Und was musste ich da sehen: Genau zur richtigen Zeit sollte auf der Insel Karmøy das bislang größte Geocaching-Event in Norwegen stattfinden. Also habe ich mich kurzentschlossen angemeldet und bei den
Runter-kommt-man immer-Iren einen Flug von Bremen nach Haugesund gebucht.
Donnerstag, 19.07.12Der Flug geht nachmittags, so dass ich gegen 17.00 Uhr norwegischen Boden betrete. Der
"Haugesund" genannte Flughafen liegt tatsächlich auf Karmøy und da ich mir ein Bett im Vandrerhjem (so heißen Jugendherbergen in Norwegen) in Kopvervik reserviert habe, will ich gar nicht erst in die Stadt. Ich frage den Busfahrer im Flughafenbus, ob er an der Hauptstraße auf Karmøy irgendwo hält, wo ich in den Linienbus nach Kopervik umsteigen kann; tut er, und nimmt mich unverhofft sogar kostenfrei mit. An der Hauptstraße warte ich dann keine fünf Minuten auf den Linienbus.
Kurz vor dem Vandrerhjem sehe ich aus dem Busfenster, dass Kopervik mehrere große Supermärkte hat - prima, ich muss schließlich noch für zwei Wochen Trekkingtour in Ryfylkeheiene einkaufen. Da ich bei Ryanair penibel auf das Gepäcklimit achten musste, habe ich aus Deutschland nur die Lebensmittel mitgebracht, von denen ich weiß, das sie in Norwegen unverhältnismäßig teuer sind; allem voran Tütensuppen. Den Rest will ich vor Ort einkaufen. Und ich brauche einiges: Nach dem Geocaching-Event will ich für über zwei Wochen durch Norwegens südlichste Fjellregion wandern, eine Trekkingtour durch unbewohnte Berglandschaften. Die lokale GeocacherInnenszene zieht es offensichtlich wenig in die höheren Bergregionen; während die südnorwegische Küste ein reichbedostes Geocachingziel darstellt, gibt es im Fjell nur an wenigen Touri-Hotspots Caches. Über meine Ryflkeheiene-Tour zu schreiben wäre hier daher ziemlich offtopic und ich verweise auf meinen
Tourenbericht im
Outdoorseiten-Forum.
Ich erreiche meine Unterkunft vor 18.00 Uhr und beschließe, noch eine abendliche Cacherunde zu drehen. Direkt südlich des Vandrerhjems beginnt eine steinige Waldlandschaft, die aber von ausgebauten Wegen durchzogen ist und als Naherholungsgebiet dient. Der Hauptweg ist sogar mit Laternen ausgestattet, um im dunklen Winter als beleuchtete Langlaufloype zu dienen. Jetzt im Sommer ist es aber bis tief in die Nacht hell und die Lampen bleiben aus. Für die Wegführung muss ich mich von Dose zu Dose hangeln. Auf meinem GPS-Empfänger habe ich die
Openmtbmap-Karte installiert. Während Haugesund (und auch die südlicher gelegene Großstadt Stavanger) gut erfasst ist, ist das platte Land weitgehend
white Wilderness. Selbst in Kopervik sind nur wenige Hauptstraßen gemappt. Ich kenne von skandinavischen OSM-Karten bereits das Phänomen, dass dabei die Umrisse von Seen deutlich vollständiger sind, als Wege und selbst Straßen.
Die teuer gekaufte topographische Karte von Karmøy auf Papier ist in Sachen Spazierwege ebenfalls komplett unvollständig. Angesichts des recht frequentierten Naherholungsgebietes wundere ich mich etwas darüber. Um so besser sind die Dosen in diesem Waldgebiet. Alles ordentlich große Behältnisse, die an sehenswerten Stellen liegen. Ich finde
GC3BB5X,
GC2X55K,
GC2X55A und
GC2X55E. Auf dem Rückweg gehe ich noch an einem der Supermärkte vorbei und erledige meinen Großeinkauf. Prima: Fast alles bekomme ich hier, sogar Milchpulver. Nur nach Brennspiritus für den Trangia, hochwertigen Müsliriegeln und Sonnenmilch werde ich morgen in Haugesund Ausschau halten müssen.
Freitag, 20.07.12Ich schlafe erst einmal aus und nehme dann den Linienbus nach Haugesund. Karmøy ist die am dichtesten besiedelte Insel Norwegens, hier gibt es bis spät in die Nacht einen Stundentakt in die Stadt und zurück. Meinen ersten "richtigen" Urlaubstag möchte ich mit Sightseeing,
urban Caching und einem abendlichen Vor-Event zubringen.
HaugesundDie Küsten- und Handelsstadt Haugesund mit ihren ca. 35.000 EinwohnerInnen macht einen gemütlichen aber überwiegend modernen Eindruck. Sie ist erst Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit der boomenden Heringsfischerei als Umschlagspunkt entstanden. Dennoch liegt Haugesund in einer Gegend mit langer Geschichte. Beim nahen Haraldshaugen soll
Harald Hårfagre begraben liegen, der Gründer des norwegischen Reiches und erste König von Norwegen. Sicher ist, dass der enge Karmsund zwischen Karmøy und dem Festland bereits zur Wikingerzeit eine strategisch wichtige Stelle war. Wer die enge Durchfahrt beherrschte, kontrollierte den Seeweg nach Norden, den
Norvegen. Der Name "Norwegen" bezieht sich ursprünglich auf den Karmsund.
So ist es kein Wunder, dass
Harald Hårfagre den alten Häuptlingssitz
Avaldsnes auf Karmøy zu seinem Königshof auserkoren hatte - und eben diese historische Bedeutung des Ortes ist der Grund dafür, dass die moderne Geocaching-Community von Rogaland just in
Avaldsnes das bislang größte norwegische Geocaching-Event veranstalten will.
Heute widme ich mich aber zunächst dem modernen Haugesund. In einer kleinen Parkanlage beim Rathaus suche ich meinen ersten Haugesunder Cache. Doch an der Stelle, die mir logisch erscheint, kann ich nichts entdecken. Ich habe aber Glück: Während ich mich umsehe, trifft ein norwegisches Pärchen ein. Die beiden entpuppen sich als CacherInnen und wir suchen gemeinsam weiter. Ich muss sagen, sie haben den besseren Blick für die lokal üblichen Verstecke und ich kann
GCZRX8 nur mitloggen. Im Folgenden finde ich dann (alleine) noch drei weitere Tradis (
GC2W043,
GC169BM und
GC100P9). Mich erstaunt die hohe Nano-Dichte hier, von den vier gefundenen urbanen Tradis entpuppen sich zwei als Nanos. Welch Kontrast zu den schönen großen Wald-Dosen. Abweichend von deutschen Gepflogenheiten werden Nanos hier als Mikro gelistet, was mich am Anfang etwas verwirrt. Später werde ich in Stavanger das gleiche feststellen.
Spannender finde ich zwei schöne Sightseeing-Multis, die durch die Innenstadt von Haugesund führen. Leider muss ich bei
GC10QA5 - Byen ved Sundet einen
DNF loggen; an den ermittelten Finalkoordinaten ist es viel zu muggelig, um einen Mikro (wohlmöglich wieder Nano) zu suchen. Dafür führt
GC10QA3 - Haraldsgatå - ifra Havnaberg te Litlasond zu einer schönen Finallocation und einer richtigen Dose. Vom Geocachen habe ich für heute erst einmal genug und besichtige noch die alten Fischerhäuser im
Dokken Museum. Ich bin der einzige Besucher und bekomme eine "Privatführung". Da lasse ich es sogar bleiben, noch nach dem gleichnamigen Cache zu suchen.
Am Abend dann mein erstes norwegisches Event,
GC3D4C0. Die örtlichen CacherInnen haben zum Grillen in den Garten des
Radisson-Hotels eingeladen. Grillgut und Essen bringt jedeR selbst mit, Getränke verkauft das Hotel. Ich bin froh, die örtliche Community hier in kleiner Runde kennenlernen zu können. Wir verbringen den Abend bei netten Gesprächen und ich finde reichlich Gelegenheit, mein Norwegisch wieder aufzufrischen. Zum Schluss gibt es ein Rudellog bei einem zum Event frisch gepublishten Cache (
GC3QVQR) direkt am Hotel. Unter dem Titel
Eg e ein knalltørre Haugesundar weiß das Listing davon zu berichten, dass Haugesund 1977 ein lokales Verbot harter Alkoholika hatte. Just das heutige Radisson-Hotel war der erste Ort in der Stadt, der ab 1972 Schnaps ausschenken durfte - aber nur an auswärtige Gäste.
Ich verpasse über den Cache meinen Bus, habe aber Glück. Ein Karmøyer Cacher-Ehepaar nimmt mich im Auto mit nach Kopervik und wir verabreden uns auch gleich für den nächsten Tag, um zusammen nach
Avaldsnes zu fahren.
Samstag, 21.07.12Der Tag des großen
Vikingevents. Pünktlich um 10.00 Uhr sammelt mich meine Mitfahrgelegenheit von gestern am Vandrerhjem vieder ein. Das moderne Avaldsnes ist ein kleiner unspektakulärer Ort, aber in unmittelbarer Nähe graben ArchäologInnen nach dem Königshof von
Harald Hårfagre. Direkt daneben gibt es ein Geschichtsmuseum, das über die Geschichte von Karmøy und Avaldsnes informiert. Aus christlicher Zeit stammt die Olafskirche, die wohl auf einer ehemaligen heidnischen Opferstätte errichtet wurde.
OlafskircheDirekt bei der Kirche steht ein schräger Bautastein und die Sage sagt, dass der Tag des jüngsten Gerichts komme, wenn der Stein die Kirche berühren werde. Ein mittelalterlichere Priester hat daher ein Stück des Steins abgeschlagen -
Glück gehabt. [;)]
BautasteinDer Cache
GCZV1T - Olafskirken ist leider auf Grund der archäologischen Ausgrabungen deaktiviert, so gehe ich zusammen mit vielen anderen EventteilnehmerInnen weiter Richtung Bukkøy. Auf der Avaldsnes vorgelagerten Insel wurde ein Freilichtmuseum errichtet. Ein historischer Vikinggård wurde nachgebaut und "echte" WikingerInnen zeigen das Leben vor 1.200 Jahren. Heute prägen allerdings vor allem GeocacherInnen das Bild. Ich genieße den Ausblick über den Karmsund und logge unterwegs noch drei Tradis:
GC1GZ6M,
GCRNHQ und
GC1GZ6E
KarmsundMit etwas über 100 Teilnehmenden ist das Vikingevent weit vom MEGA-Status entfernt; trotzdem herrscht reges Getümmel auf dem Vikinggård. Der Kulturdezernent von Haugesund hält eine Eröffnungsrede und erlaubt sich den Fauxpas, auf Norwegisch zu fragen, ob denn AusländerInnen dabei sind; nun ja, zwei Schottinnen verstehen offensichtlich ebenfalls die Landessprache. Nach der Eröffnung verläuft es sich etwas und die Grills werden angeschmissen. Ich schaue mir die nachgebauten Wikingerhäuser an.
Wikingerhaus auf BukkøyZwar hat das Freilichtmuseum heute nicht regulär geöffnet, ein paar WikingerInnen sind für die "geschlossene Gesellschaft" aber dennoch vor Ort und zeigen Lebensweise und historisches Handwerk. Ein Mann führt vor, wie die Wikinger Feuer gemacht haben.
WikingerInnenEine der Wikingerinnen kann als Travelbug geloggt werden. Sie führt historische Techniken der Textilverarbeitung vor.
Die TB-VikingerinNach dem Essen drehe ich eine Runde über die Insel Bukkøy und logge an deren äußerstem Ende noch den Cache
GC1BPYT - bukkøyfyr. Eine Schnitzeljagdrunde vor allem für Kinder lasse ich dabei links liegen. Obwohl es in der Menschenmenge schwieriger als auf dem kleinen Abendevent ist, Kontakte zu knüpfen, führe ich doch einige interessante Gespräche. Ich erfahre, dass es vor allem viel Locals waren, die das ganze organisiert haben. Dabei sind die Materialien zum Event vorbildlich: Sogar eine Broschüre mit Cachetourempgehlungen in der Umgebung gibt es.
VikingeventVon einer Begleiterin, die mir seit Hamburg gefolgt ist, muss ich mich jetzt verabschieden. Die
Wanderratte verschwindet in einer großen Kiste mit Travelbugs und Coins, um jemanden zu finden, die/der mit ihr durch Norwegen weiterreisen kann. Ich wünsche ihr viele Glück auf ihrer Tour.
WanderratteDafür nehme ich einen anderen TB mit, ein Fischgerippe, das mich auf meiner Wanderung durch Ryfylkehgeiene begleiten wird. Schließlich wird es Abend, und ich begebee mich auf den Rückmarsch nach Avaldsnes und dort den Bus zurück nach Kopervik zu erwischen. Ein schöner Eventtag geht zu Ende. Dank an die OrganisatorInnen und die vielen netten Leute, die ich hier getroffen habe.
Sonntag, 22.07.12Nachdem mir der Wettergott die letzten Tage hold war, schifft es heute gewaltig. Da das Hutrigbåt nach Stavanger aber erst am Nachittag in Kopervik ablegt, beschließe ich, trotzdem eine Cacherunde zu drehen. Nördlich von Kopervik liegt der See Fotvatn, um den es eine kleine Tradirunde gibt. Die Tour ist auch eine gute Einstimmung auf die kommenden Wandetage im Fjell. Auf der Ostseite des Sees gibt es keinen ausgebauten Weg und und geht rauf und runter über Stock und Stein. Trotzdem begegnet mir unterwegs ein Hundemuggle, der ebenfalls die zweistündige Runde um den See dreht.
FotvatnUnterwegs stelle ich fest, dass beim Upload der GPX-Datei einige Caches der Runde verschluckt worden sind. Na ja, nicht so schlimm, es gibt immernoch genug Dosen zu finden. Ich logge
GC2JQ3B,
GC3CHRF,
GC3CZKV,
GC3DAZ1,
GC3E8NN,
GC3FVF1,
GC3DX9C und
GC3FVHA. Einmal komme ich unterwegs vom Weg ab, da ein deutlicher Pfad in die falsche Richtung führt. Das rächt sich, indem ich mich ein Stück durch dichtes Gestrüpp schlagen muss. Auf dem Rückweg nach Kopervik komme ich an einem alten Steinbruch vorbei, in dem Leute Paintball spielen. Ganz geheuer ist mir altem Pazifisten das nicht.
Ich erreiche rechtzeitig wieder das Vandrarhjem in Kopervik, hole meinen Rucksack ab und begebe mich zum Bootsanleger. Viele TouristInnen scheint es hier nicht zu geben, der Anleger ist nicht ausgeschildert und die Frau im Vandrerhjem kann ihn mir nicht auf der Karte zeigen. Ich erfahre, dass er irgendwo in der Nähe eines Narvesen-Kiosk ist. Zum Glück ist der Kiosk offen und ich trinke dort noch einen Kaffee. Hier weiß man weiter, und ich finde den gut versteckten Anleger schließlich doch. Vom Schiff blicke ich zurück nach Karmøy. Die nächsten zwei Wochen werde ich durch einsame Fjellgegenden wandern. Ich habe einige schöne Tage hier verbracht und einen kleinen Einblick in die norwegische Cacher-Community gewonnen, freue mich aber jetzt auch auf meine große Tour.
medwed